Mein Neger

von Arne Sirens
Deutschsprachige Erstaufführung
Schauspiel Leipzig
Premiere: 23.01.2003

 

Die Szenen wechseln rasch, neue Begegnungen, Konfrontationen, kurze Dialoge, und doch fällt das Stück von Arne Sierens nicht auseinander, weil es mehrere Konstanten gibt. Da wäre als erstes das Bühnenbild zu nennen (Bühne und Kostüme: Christine Tritthart), ein länglicher Holzkasten, Zwischending aus Schuppen und Jahrmarktsbude. Darin ein leerer Kühlschrank und ein schwarzer Hund an der Kette: Neger. Er ist die ganze Zeit auf der Bühne, alt, krank, vernachlässigt. Ähnlich trostlos und die ganze Zeit anwesend: Jeanette (toll gespielt von Nicola Ruf). Eine Pennerin, schmuddelig, allzeit bereit, jedem Mann einen zu blasen. Ihre hermetische Körpersprache ist ein einziger Aufschrei nach Zärtlichkeit. Ein Kühlschrank und eine Kühltruhe stehen auf dem Nebenschauplatz der Bühne und müssen als Symbol nicht weiter erklärt werden.

Interessant ist die Entstehung des Stückes „Mein Neger”: Am Anfang steht ein persönliches Erlebnis des flämischen Autors, der nach zwanzig Jahren in das Dorf seiner Jugend fährt. Es folgen weitere Aufenthalte in der flämischen Provinz, das Material wächst. Arne Sierens entwickelte das Stück aus Improvisationen mit einer Schauspieltruppe, die zur Hälfte aus Laien bestand. Der daraus entstandene Text wurde wiederum befragt, reduziert und verdichtet. Einen ähnlichen Weg gingen die Schauspieler dieser deutschsprachigen Erstaufführung des Stückes, größtenteils übrigens Studierende der Hochschule für Musik und Theater: Sie machten „Feldforschung” im Umland Leipzigs und befragten die Menschen über ihr Leben. Regisseur André Turnheim ließ den Studenten am Anfang der Proben viel Zeit, über Improvisationen in die eigene Figur zu finden. Das Ergebnis überzeugt, die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen agieren sehr authentisch.

Leipziger –  Almanach   Babette Dieterich

 

Und der Hund? Man bekommt Mitleid mit ihm, wie er die ganze Zeit herumliegt. Irgendwann wird das treiben ihm zu bunt, er beginnt zu bellen. Das passt, als sei es inszeniert und stiehlt nur gegen Ende dem Bäcker die Show, als er dem ängstlichen Muskelprotz Hans-Christian (Moritz Führmann) Mut macht, das Dorf zu verlassen.

Zu Lande

Schöner unsere Städte und Gemeinden: »Mein Neger« am Schauspiel Leipzig

Off-Theater entfaltet sich oft in Kulturfabrikgruselstücken, die vor gutem Willen strotzen. Gegen geldgetränkte Staatstheateraufführungen kommen sie selten an. »Mein Neger« ist eine geglückte Liaison öffentlicher Gelder und Ideen aus dem Off. Regisseur André Turnheim bekennt sich zur Freien Szene. Er schwärmt mit dem Regieteam gruppezwei an die staatlichen Theater aus und unterwandert Spielpläne mit eigenen Produktionen. Im letzten Jahr erreichte er Leipzig, wo die Freie Szene vor sich hinkrepelt, und das Schauspiel in öffentlicher Vormachtstellung zumeist gefällige Stücke herausbringt. Dagegen setzt Turnheim »Mein Neger« von Arne Sierens, einem belgischen Theatermacher und Ex-Punkband-Frontmann. Zusammen mit Leipziger Schauspielstudenten, vier Laien, einem Profi und einem Hund setzt er das Stück am Stadttheater um.

Ohne große Worte, mit kleinen Gesten zeigt Turnheim, wie neue Rivalitäten aufkeimen und alte Hoffnungen begraben werden. So zwischen Lukas und Peggy, der einstigen großen Liebe. In 24 Stunden rasen sie noch einmal durch sich treffen, küssen, streiten, schlagen. Der Abschied ist eine lakonische Handbewegung und ein: »Na, dann.« Schauspielerisch ist »Mein Neger« auf hohem Niveau und mit seltener Geschlossenheit umgesetzt. Die dörfliche Gemeinschaft ist keine bloße Behauptung, denn Turnheim und die Gruppe haben sich ihren Helden genähert, indem sie weit in die Provinz vorgestoßen sind, ungefähr 20 Kilometer in das Umland von Leipzig, um mit den dort Lebenden an Gartenzäunen, in Lokalen und Wartehäuschen zu sprechen. Einige sind auch zu den Proben gekommen, aus Schnaudertrebnitz, aus Frohburg, aus Machern, und haben sich angeschaut, was Turnheim aus ihnen macht. »So isses«, hätten sie gesagt, sagt Turnheim. »So isses«, sagt eigentlich jeder, der das sieht.

junge welt Anna Lehmann 03.02.2003

Bühne und Kostüme: Christine Tritthart
Dramaturgie: Skadi Jaennike
Mitarbeit Training: Veronika Beck
mit Tim Ehlert, Moritz Führmann, Johannes Geissler, Jonas Laux, Andreas Keller, Jörg Malchow, Joseph Reichelt, Nicola Ruf, Dominik Schiefner, Theresa Scholze